Nach einem Übergriff unter Kindern: Wann ein moderiertes Gespräch der Eltern helfen kann
Kurz gesagt: Zuerst wird immer getrennt gesprochen: mit dem betroffenen Kind, dann mit dem übergriffigen Kind, dann mit beiden Elternpaaren. Wenn das geklärt ist und beide Familien es wollen, kann ein gut moderiertes Gespräch der Eltern helfen, damit Gerüchte aufhören und der Alltag für die Kinder wieder normal wird. Die Kinder sind dabei nie anwesend.
← Alle Artikel für Fachkräfte · Von Nino Trentsch, Kinderschutzfachkraft · Stand: Oktober 2026
Das Wichtigste in drei Sätzen: Das moderierte Gespräch kommt ganz am Ende und ersetzt keinen der vorherigen Schritte. Es ist freiwillig, und nur die beiden direkt betroffenen Elternpaare nehmen teil. Die Kinder sind nicht dabei, und niemand wird zur Versöhnung gedrängt.
Die Reihenfolge bleibt
Bei allem, was jetzt folgt, gilt der bewährte Ablauf:
- Situation stoppen und Kinder schützen.
- Zuerst mit dem betroffenen Kind sprechen. Es bekommt Trost und die Sicherheit, dass ihm geglaubt wird.
- Dann mit dem übergriffigen Kind sprechen. Kurz, klar und ohne Beschämung. Die Kinder werden nie gemeinsam befragt.
- Leitung, Träger und Fachberatung einbeziehen, dokumentieren und Maßnahmen festlegen.
- Mit beiden Elternpaaren getrennt sprechen. Vorher wird geprüft, ob ein Kind dadurch gefährdet sein könnte. Gibt es einen Verdacht auf Gewalt in der Familie, gehen Sie nach dem Kinderschutz-Verfahren Ihrer Einrichtung vor.
- Erst danach kann überlegt werden, ob ein gemeinsames Gespräch der Eltern sinnvoll ist.
Warum die Gespräche oft nicht das Ende sind
Ich erlebe es immer wieder: Mit den Kindern wurde gesprochen, die Eltern wurden informiert, die Kita hat alles richtig gemacht. Doch Eltern reden untereinander. An der Garderobe, im Elternchat, beim Kindergeburtstag. Es entsteht eine Dynamik, die sich nicht einfach verhindern lässt, wenn das Geschehene zwischen den Familien nicht gut aufgearbeitet wird.
Die Folgen tragen am Ende die Kinder. Ein Kind wird nicht mehr eingeladen, eine Familie wird gemieden. Auch im Team kann sich etwas verschieben: Alle schauen nur noch auf dieses eine Kind. Das Kind spürt das, und es kann diese Aufmerksamkeit auch nutzen. So wird es schwerer, dass es sein Verhalten wirklich ändert.
Deshalb bitten Sie beide Elternpaare schon im ersten Gespräch, den Vorfall nicht in die Elterngruppe zu tragen. Das ist kein Maulkorb. Erklären Sie den Grund: Gerüchte treffen die Kinder, sorgen für Unmut und machen eine gute Lösung schwerer. Hilfe holen dürfen sich Eltern natürlich jederzeit, bei einer Beratungsstelle oder bei Menschen, denen sie vertrauen. Für Eltern gibt es einen eigenen Artikel, den Sie gern weitergeben können: Was Ihr Kind jetzt von Ihnen braucht.
Ein Blick auf das Beißen
Ein Vergleich hilft mir, die Lage der anderen Familie verständlich zu machen. Ein Kind beißt in der Kita immer wieder andere Kinder, und bald hacken alle auf dieser einen Familie herum. Dabei bringt keine Mutter und kein Vater das Kind morgens in die Kita und sagt: Beiß heute mal ein anderes Kind. Diese Eltern versuchen längst, ihrem Kind beizubringen, dass man nicht beißt. Oft wissen wir nur noch nicht, welches Bedürfnis dahintersteckt oder was das Kind noch nicht ausdrücken kann.
Ein sexueller Übergriff ist kein Biss, und der Vergleich soll nichts kleinreden. Für das betroffene Kind und seine Eltern kann er eine schwere Belastung sein. In einem Punkt trifft er aber zu: Auch die Eltern des übergriffigen Kindes wollen in aller Regel nicht, dass so etwas geschieht. Sie tun etwas, und Kinder haben trotzdem manchmal ihren eigenen Kopf.
Was ein moderiertes Gespräch bewirken kann
Viele Fachleute raten von gemeinsamen Elterngesprächen ab, und dafür gibt es gute Gründe (siehe unten). Meine Erfahrung ist: In passenden Fällen hilft genau dieses Gespräch, wenn es gut vorbereitet ist und jemand moderiert, der beide Seiten versteht und zwischen ihnen vermitteln kann. Wenn beide Elternpaare wieder miteinander sprechen können, gewinnen vor allem die Kinder:
- Beide Seiten verstehen sich besser. Die Eltern des betroffenen Kindes hören, was die anderen Eltern alles tun, damit es nicht wieder geschieht. Die Eltern des übergriffigen Kindes hören, was der Vorfall für die andere Familie bedeutet.
- Es gelten gleiche Regeln. Beide Familien wissen, was sie mit ihren Kindern besprechen und wie sie sich verhalten, wenn sie sich begegnen.
- Es gibt weniger Gerüchte. Wer direkt miteinander gesprochen hat, muss nicht über andere reden.
- Kein Kind wird ausgegrenzt. Das betroffene Kind trägt keine Folgen, und auch das übergriffige Kind wird nicht zum Sündenbock der Gruppe.
- Der Alltag kann wieder normal laufen. Die vereinbarten Maßnahmen bleiben, solange sie nötig sind. Aber die Fachkräfte müssen nicht mehr nur auf dieses eine Kind schauen.
- Eltern und Kita arbeiten wieder zusammen. Darum geht es am Ende: dass beide Familien und die Einrichtung wieder gut miteinander auskommen.
Was gegen ein gemeinsames Gespräch spricht
Mir ist wichtig, das offen zu sagen. Leitfäden wie die der Stadt Karlsruhe und der Erzdiözese Freiburg raten von gemeinsamen Gesprächen mit beiden Elternpaaren ab. Das ist für die Zeit nach dem Vorfall auch richtig. Eltern sind dann wütend, erschrocken oder voller Scham, die Fakten sind noch nicht geklärt, und beide Seiten brauchen etwas anderes. Das moderierte Gespräch, um das es hier geht, gehört nicht in diese Phase. Es kommt erst, wenn der Sturm vorbei ist, und es bleibt eine Möglichkeit für passende Fälle, nicht der Regelfall.
Wann es infrage kommt
- Alle Einzelgespräche haben stattgefunden, und die Fakten sind geklärt.
- Das betroffene Kind ist geschützt, und die Schutzmaßnahmen laufen.
- Beide Elternpaare möchten das Gespräch, ohne Druck und ohne Bedingungen.
- Beide können sachlich zuhören.
- Die Moderation ist neutral und kennt das Thema Kinderschutz.
- Vorher ist geklärt, wer was erfahren darf.
Wann es nicht passt
- Eine Familie fühlt sich unter Druck gesetzt oder hat Angst.
- Die Eltern des betroffenen Kindes wollen es nicht. Das wird ohne Nachfragen akzeptiert.
- Der Vorfall wird verharmlost, oder es gibt Schuldzuweisungen und Drohungen.
- Die Fakten sind noch unklar.
- Es gibt einen Verdacht auf Gewalt in einer Familie oder durch Ältere oder Erwachsene.
- Zwischen den Familien besteht ein deutliches Machtgefälle.
- Das betroffene Kind ist noch sehr belastet.
Warum die Kinder nicht dabei sind
Das Gespräch ist eines unter Erwachsenen. Die Fachliteratur ist hier eindeutig: Betroffenes und übergriffiges Kind werden nicht zusammengesetzt, weil sich die Dynamik des Übergriffs im Gespräch wiederholen kann. Auch eine Entschuldigung wird nicht eingefordert. Sonst gerät das betroffene Kind unter Druck, sie annehmen zu müssen.
So läuft eine Moderation bei mir ab
- Vorklärung: Ich prüfe mit der Einrichtung und mit jeder Familie einzeln, ob alle Gespräche geführt wurden und ob beide das Treffen wirklich wollen.
- Vertraulichkeit: Beide Seiten geben vorher eine Datenschutz- und Vertraulichkeitserklärung ab. Was besprochen wird, bleibt unter uns, und auch ich trage nichts nach außen. Eine Grenze gibt es: Geht es um den Schutz eines Kindes, gelten die Regeln des Kinderschutzes. Sich selbst Hilfe zu holen, bleibt allen unbenommen.
- Kleiner Kreis: Es sitzen nur die Eltern der beiden direkt beteiligten Kinder am Tisch. Andere Eltern sind nicht dabei.
- Klares Thema: Wir sprechen nicht darüber, wer schuld ist, und der Vorfall wird nicht noch einmal im Detail erzählt. Wir sprechen darüber, was die Eltern schon getan haben, was sie noch tun können und welche nächsten Schritte helfen.
- Der Blick auf das Bedürfnis: Wenn es passt, überlegen wir, ob sich herausfinden ließ, was das Kind eigentlich wollte und welcher Bedarf dahintersteckte. Das entschuldigt nichts. Das Verhalten bleibt nicht in Ordnung, aber dieses Verständnis kann helfen, dass es sich nicht wiederholt.
- Vereinbarungen: Wir halten fest, wie die Familien sich begegnen, was sie den Kindern sagen, was sie in der Elterngruppe nicht besprechen und wann die Kita wieder Rückmeldung gibt.
Das Ziel ist nicht, dass die Familien Freunde werden. Sie müssen auch nicht in allem einer Meinung sein. Es reicht, wenn alle Erwachsenen dieselben Regeln halten und die Kinder wieder sicher und unbeschwert in die Kita gehen können.
Sätze, die helfen
- Zum Einstieg: „Wir klären heute nicht, wer schuld ist. Wir vereinbaren, wie es für beide Kinder gut weitergeht.“
- Zur Elterngruppe: „Wenn der Vorfall die Runde macht, trifft das am Ende die Kinder. Deshalb bleibt das hier bei uns. Wenn Sie selbst Unterstützung brauchen, holen Sie sie sich gern.“
- An die Eltern des übergriffigen Kindes: „Ihr Kind ist nicht schlecht. Eine Grenze wurde überschritten, und daran arbeiten wir gemeinsam.“
- An die Eltern des betroffenen Kindes: „Ihr Kind trägt keine Schuld, und es muss nichts wiedergutmachen.“
Hilfe für Eltern und Fachkräfte
Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch berät kostenlos und anonym unter 0800 22 55 530, auch bei Fragen zu Übergriffen unter Kindern. Das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer erreichen Sie kostenlos unter 0800 111 0 550. Fachberatungsstellen in Baden-Württemberg finden Sie bei der LKSF Baden-Württemberg.
Hinweis: Dieser Artikel beschreibt fachliche Empfehlungen und meine eigene Praxis. Das moderierte Gespräch ist kein anerkannter Standard, und ob es passt, muss im Einzelfall entschieden werden. Holen Sie sich dafür Beratung und stimmen Sie das Vorgehen mit Ihrem Träger ab.
Quellen: PETZE-Institut für Gewaltprävention, Ist das noch ein „Doktorspiel“? Kindliche Sexualität und Prävention von sexuellen Übergriffen unter Kindern im Kita-Alter, 2020; Stadt Karlsruhe, Fachberatungsstelle AllerleiRauh, Pädagogisches Handeln bei sexuellen Übergriffen unter Kindern; Erzdiözese Freiburg, Handlungsleitfaden sexualisierter Übergriff unter Kindern, 2023; Wälzholz-Junius, A., Sexuelle Übergriffe unter Kindern: was tun, wenn es passiert ist?, KiTa aktuell Recht 3/2021; Sexuell grenzverletzendes Verhalten von Kindern, KiTa aktuell Recht 3/2024. Abgerufen am 31.10.2026.
Kurz beantwortet
Ersetzt das moderierte Gespräch die getrennten Elterngespräche?
Nein. Zuerst sprechen Sie mit den Kindern und dann getrennt mit beiden Elternpaaren. Das moderierte Gespräch kann erst danach folgen, wenn alles geklärt ist.
Sind die Kinder dabei?
Nein. Das Gespräch findet nur unter Erwachsenen statt. Die Kinder werden nicht zusammengesetzt und nicht zu einer Entschuldigung gedrängt.
Wer nimmt teil?
Die Eltern der beiden direkt beteiligten Kinder und eine neutrale Moderation. Andere Eltern sind nicht dabei.
Müssen beide Familien zustimmen?
Ja. Das Gespräch ist freiwillig. Will eine Familie es nicht, findet es nicht statt, und das hat keine Folgen für sie oder ihr Kind.
Warum sollen Eltern den Vorfall nicht in der Elterngruppe besprechen?
Gerüchte treffen vor allem die Kinder, führen zu Ausgrenzung und erschweren eine gute Lösung. Eltern können sich aber jederzeit selbst Hilfe holen, etwa bei einer Beratungsstelle.
Raten Fachleute nicht von solchen Gesprächen ab?
Viele tun das, vor allem für die Zeit direkt nach dem Vorfall, und das ist richtig. Der Regelfall bleibt das getrennte Gespräch. Das moderierte Gespräch ist eine spätere Möglichkeit für passende Fälle.
Über den Autor
Nino Trentsch ist zertifizierte Kinderschutzfachkraft, Fortbildungsreferent zur Prävention sexualisierter Gewalt und zugelassener Präventionsreferent der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Nino arbeitet selbst als pädagogische Fachkraft in einer Kita und hat über 1.000 Fachkräfte geschult. Mehr über Nino
Sie möchten ein solches Gespräch vorbereiten?
Ich moderiere Gespräche zwischen Eltern, wenn alles Nötige geklärt ist, und berate Ihr Team im Vorfeld. Vertraulich und neutral.
