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Ratgeber für Eltern

Übergriff unter Kindern: Was Ihr Kind jetzt von Ihnen braucht

Kurz gesagt: Wenn etwas zwischen Kindern passiert ist, sind Wut, Angst und Scham verständlich. Ihr Kind liest aber an Ihrem Gesicht ab, wie schlimm die Lage ist. Es braucht jetzt Erwachsene, die ruhig bleiben, ihm zuhören und ihm beistehen, egal ob es betroffen war oder übergriffig gehandelt hat.

Illustration: Ein Elternpaar im Gespräch mit Nino; daneben Vater und Kind vor einem Haus

← Alle Artikel für Paare & Eltern · Von Nino Trentsch · Stand: Oktober 2026

Vorweg: Ich schreibe diesen Artikel sehr persönlich und direkt, weil mir das Thema nahegeht. Er ist kein Vorwurf an Sie. Es geht um Ihr Kind, also um das, was Ihnen ohnehin am wichtigsten ist. Wenn Sie sich in einem Abschnitt wiederfinden, ist das menschlich. Vieles lässt sich auch später noch gut machen.

Wissen ist das eine. Aushalten das andere.

Die meisten Eltern, die ich kenne, wissen, was sie tun sollten: ruhig bleiben, nicht ausfragen, keine Vorwürfe. Und dann geht es um das eigene Kind. Plötzlich ist alles anders. Das Herz rast, die Gedanken überschlagen sich, und man will sofort etwas tun: anrufen, nachfragen, das andere Kind fernhalten, mit jemandem darüber reden.

Das ist keine Schwäche. Sie lieben Ihr Kind. Wenn Sie aber spüren, dass die Wut oder die Angst Sie gerade steuert, hilft ein Satz: Das kann ich gerade kaum aushalten, und mein Kind muss es nicht für mich mittragen. Ihre Gefühle dürfen sein. Sie gehören nur nicht auf die Schultern Ihres Kindes, sondern zu einem anderen Erwachsenen.

Beide Eltern wollen das Beste für ihr Kind

Ich kenne keine Eltern, die wollen, dass sich ihr Kind schlecht entwickelt. Das gilt für die Eltern des betroffenen Kindes genauso wie für die Eltern des übergriffigen Kindes. Beide wollen das Beste für ihr Kind, und beide wollen nicht, dass so etwas geschieht. Und beide sind oft überfordert und finden niemanden, der ihnen wirklich zuhört.

Bis zum Anfang der Grundschule entwickelt sich bei Kindern unglaublich viel. Wir wissen vieles nicht, was in einem Kinderkopf vorgeht. Gerade deshalb sollten wir vorsichtig sein, ein Kind festzulegen, nur weil etwas passiert ist.

Wie es sich für Ihr Kind anfühlen kann

Kinder erleben einen Vorfall oft anders als Erwachsene. Was uns erschüttert, war für das Kind vielleicht ein unangenehmer Moment. Wie schlimm es wirklich war, schließen Kinder oft erst aus unserer Reaktion. Jedes Kind ist anders. In meiner Arbeit begegnen mir aber immer wieder diese Gedanken:

  • Sie sind sehr aufgewühlt oder weinen. Ihr Kind kann denken: Das ist wegen mir. Mama und Papa geht es schlecht, also erzähle ich lieber nichts mehr.
  • Sie fragen immer wieder nach. Ihr Kind erlebt die Situation jedes Mal neu und merkt: Meine Antwort reicht nicht. Manche Kinder erzählen dann, was die Erwachsenen hören wollen, oder sie verstummen: Keiner hört mir richtig zu.
  • Sie sprechen schlecht über das andere Kind. Vielleicht war das sein Freund oder seine Freundin. Ihr Kind kann sich hin- und hergerissen fühlen oder sich schämen, dass es mitgespielt hat.
  • Sie lassen es nicht mehr aus den Augen. Der Schutz ist gut gemeint. Für das Kind kann er sich wie eine Strafe anfühlen: Mir ist etwas passiert, und jetzt darf ich weniger.
  • Sie bestrafen oder beschämen es. Ein übergriffiges Kind lernt dann vor allem: Ich bin schlecht, und über so etwas sagt man besser nichts. Es versteht oft gar nicht, was los ist.
  • Niemand will mehr mit ihm spielen. Dann kann ein Kind denken: Keiner versteht mich, mich sieht keiner. Sonst will ja keiner mit mir spielen, dann mache ich eben weiter. So wird aus einem Vorfall leicht ein Kreislauf.
  • Alle reden darüber. Kinder merken, wenn Erwachsene verstummen, sobald sie den Raum betreten, wenn sie nicht mehr eingeladen werden oder angeschaut werden. Sie verstehen nicht warum, aber sie spüren: Mit mir stimmt etwas nicht.

Die gute Nachricht: Wird einem Kind geglaubt, wird es unterstützt und vor weiteren Übergriffen geschützt, kann es das Erlebnis in der Regel gut verarbeiten. Genau dabei sind Sie die wichtigste Person.

Wenn Ihr Kind betroffen ist

  • Hören Sie zu und glauben Sie ihm. Sprechen Sie in Ruhe und ungestört. Fragen Sie offen: „Was ist passiert?“ und „Wie hast du dich gefühlt?“
  • Sagen Sie klar: „Du bist nicht schuld.“ Das gilt auch, wenn das Spiel zuerst schön war oder Ihr Kind nicht Nein gesagt hat.
  • Loben Sie es, weil es sich Ihnen anvertraut hat. Viele Kinder schämen sich oder glauben, sie hätten gepetzt.
  • Sagen Sie sachlich, dass das Verhalten nicht in Ordnung war, ohne das andere Kind abzuwerten.
  • Lassen Sie ihm Zeit. Will es nicht weiterreden, ist das in Ordnung. Fragen Sie nicht immer wieder nach.
  • Versprechen Sie nur, was Sie halten können. Und schränken Sie Ihr Kind nicht ein: Es soll durch das Erlebte keine Nachteile haben.
  • Drängen Sie nicht zu einer Versöhnung. Ihr Kind muss keine Entschuldigung annehmen und nichts wiedergutmachen.

Sprechen Sie mit der Kita, und holen Sie bei Schmerzen oder Verletzungen ärztlichen Rat ein. Überlegen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind, wer davon erfahren soll. Das gibt ihm ein Stück Kontrolle zurück.

Wenn Ihr Kind übergriffig war

Diese Nachricht trifft Eltern oft tief. Scham, Abwehr, der Gedanke „Das kann nicht sein“ oder „Was haben wir falsch gemacht?“ sind verständlich. Niemand bringt sein Kind morgens in die Kita und wünscht sich so etwas. Ein Vorfall sagt nichts darüber aus, was für ein Mensch Ihr Kind ist und welche Eltern Sie sind. Er sagt nur: Ihr Kind braucht jetzt Ihre Hilfe.

  • Nehmen Sie es ernst. Auch wenn es schwerfällt: Ihr Kind muss lernen, die Grenzen anderer zu achten. Es kann das nicht allein.
  • Sprechen Sie ruhig und in kurzen Sätzen. Lange Reden überfordern Kinder. Sagen Sie genau, was Sie erfahren haben und warum das nicht in Ordnung ist.
  • Fragen Sie nicht nach dem Warum. Auch nicht, ob es stimmt. Das lädt zum Leugnen ein, und Kinder können es oft selbst nicht erklären.
  • Kritisieren Sie das Verhalten, nicht das Kind. „Das war nicht in Ordnung“ statt „Du bist böse“.
  • Deuten Sie Grinsen nicht als Frechheit. Grinst Ihr Kind oder schaut weg, ist das meist Scham oder Selbstschutz.
  • Setzen Sie klare Grenzen statt Strafen. Eine kurze, passende Konsequenz mit festem Ende hilft mehr als Angst. Loben Sie, wenn Ihr Kind sich daran hält.
  • Bleiben Sie an seiner Seite: „Ich habe dich lieb. Das Verhalten muss aufhören, und ich helfe dir dabei.“

Holen Sie sich Unterstützung, für sich und für Ihr Kind. Das ist kein Eingeständnis, dass Sie versagt haben, sondern das Beste, was Sie tun können. Manchmal zeigt sich dabei ein Bedürfnis oder eine Sorge, die Ihr Kind noch nicht in Worte fassen kann.

Wenn Sie nur davon gehört haben

Vielleicht ist Ihr Kind gar nicht beteiligt, aber Sie haben etwas mitbekommen. Das macht Angst, und das ist verständlich. Fragen Sie bei der Kita-Leitung nach, statt im Chat zu spekulieren. Fragen Sie Ihr Kind nicht aus und warnen Sie es nicht vor einem bestimmten Kind. Die Kita darf Ihnen vieles nicht sagen, um die Kinder zu schützen. Das würden Sie sich für Ihr eigenes Kind auch wünschen.

Warum es nicht in die Elterngruppe gehört

Hier werde ich deutlich: Es ärgert mich, und manchmal macht es mich sogar wütend, wenn so etwas überall breitgetragen wird, statt dass die Beteiligten miteinander das Gespräch suchen. Denn die Leidtragenden sind immer die Kinder.

Das Bedürfnis, darüber zu reden, ist groß, das verstehe ich. Sie brauchen auch jemanden zum Reden. Die Frage ist nur: mit wem? Im Elternchat oder an der Garderobe wird aus einem Vorfall schnell eine Geschichte, die sich verselbstständigt. Am Ende trifft sie die Kinder: Ein Kind wird gemieden, eine Familie wird ausgegrenzt, und auch das betroffene Kind bleibt das Kind, dem das passiert ist.

Sprechen Sie deshalb mit der Kita, mit einem vertrauten Menschen außerhalb der Gruppe oder mit einer Beratungsstelle. Wenn alles geklärt ist und beide Familien es wollen, kann auch ein moderiertes Gespräch der Eltern helfen. Die Kinder sind dabei nicht anwesend.

Und das andere Kind?

Sprechen Sie das andere Kind nicht selbst darauf an, und stellen Sie auch seine Eltern nicht zur Rede. Das ist Sache der Erwachsenen, die den Fall begleiten. Auch wenn das in dem Moment schwerfällt: Es sind Kinder. Fachleute sprechen bewusst nicht von Tätern und Opfern, sondern von übergriffigen und betroffenen Kindern. Beide brauchen Erwachsene, die sich kümmern.

Sätze, die Ihrem Kind helfen

  • „Gut, dass du es mir erzählt hast.“
  • „Du hast nichts falsch gemacht.“
  • „Ich bin da, und ich kümmere mich darum.“
  • „Du musst jetzt nichts mehr erzählen.“
  • „Ich habe dich lieb, egal was passiert ist.“

Hier bekommen Sie Hilfe

Wichtig: Gibt es Hinweise auf Gewalt durch Jugendliche oder Erwachsene, handeln Sie nicht allein und sprechen Sie zuerst mit einer Beratungsstelle. Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch erreichen Sie kostenlos und anonym unter 0800 22 55 530, auch bei Fragen zu Übergriffen unter Kindern. Das Elterntelefon erreichen Sie kostenlos unter 0800 111 0 550. Auch Erziehungsberatungsstellen und pro familia beraten Sie. Beratungsstellen in Baden-Württemberg finden Sie bei der LKSF Baden-Württemberg.

Hinweis: Dieser Artikel gibt eine Orientierung und ersetzt keine Beratung im Einzelfall. Die beschriebenen Gedanken von Kindern sind Beispiele aus meiner Praxis. Jedes Kind erlebt solche Situationen anders.

Quellen: PETZE-Institut für Gewaltprävention, Ist das noch ein „Doktorspiel“? Kindliche Sexualität und Prävention von sexuellen Übergriffen unter Kindern im Kita-Alter, 2020; Stadt Karlsruhe, Fachberatungsstelle AllerleiRauh, Pädagogisches Handeln bei sexuellen Übergriffen unter Kindern; Wälzholz-Junius, A., Sexuelle Übergriffe unter Kindern: was tun, wenn es passiert ist?, KiTa aktuell Recht 3/2021. Abgerufen am 31.10.2026.

Häufige Fragen

Kurz beantwortet

Was sage ich meinem Kind als Erstes?

Zum Beispiel: „Gut, dass du es mir erzählt hast. Du bist nicht schuld.“ Bleiben Sie möglichst ruhig und hören Sie zu.

Warum soll ich nicht genauer nachfragen?

Offene Fragen sind gut. Wiederholtes Nachfragen belastet Kinder aber und kann ihre Erinnerung beeinflussen. Lassen Sie Ihr Kind selbst bestimmen, wie viel es erzählt.

Mein Kind war übergriffig. Ist es jetzt auffällig?

Nein, das lässt sich nicht so sagen. Es braucht klare Grenzen und Ihre Unterstützung, damit sich das Verhalten nicht verfestigt. Holen Sie sich dafür Rat bei einer Beratungsstelle.

Darf ich mit anderen Eltern darüber sprechen?

Sprechen Sie besser mit der Kita, einem vertrauten Menschen außerhalb der Gruppe oder einer Beratungsstelle. Gerede in der Elterngruppe trifft am Ende die Kinder.

Soll sich das andere Kind entschuldigen?

Das sollte niemand verlangen. Ihr Kind kann dadurch unter Druck geraten, die Entschuldigung annehmen zu müssen.

Über den Autor

Nino Trentsch ist seit 2014 psychologischer Berater, Burnout-Berater und Trainer für Stressmanagement. Als pädagogische Fachkraft und Kinderschutzfachkraft arbeitet Nino selbst mit Kindern und schult Fachkräfte. Beratung in Kaisersbach im Rems-Murr-Kreis oder bei Ihnen zu Hause. Mehr über Nino

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